Wie die Kinder lesen

Melodie -

Hugo Freiherr von Blomberg

Saht ihr einmal -- wie freilich solltet ihr!
doch schade drum, denn hold und lustig ist es! --
wenn meine Kleine, siebzehn Monde alt,
in Vaters Büchern oder Briefen liest?
Wie sie das Ding schon so verständig anfaßt,
den Zeilen emsig mit dem Finger folgt
und ihren ganzen winz'gen Wörtervorrat:
Papa, Mama und Baba und Baubau
mit ungemeiner Wichtigkeit und mit
nicht mindrer Modulierung an den Mann bringt --
(denn, wie natürlich kennt sie noch kein Jota!)
und wir, die Eltern -- lach' uns aus, wer mag!
wir horchen wie aufs Evangelium
und sagen: "Ei, wie schön kann Eva lesen!"
Dann blickt sie stolz und glücklich zu uns auf.
Mir wird aber oft wunderlich dabei zu Mut --
und auf dem Bänkchen neben ihr
mein' ich ein ganzes großes Publikum
in gleichem Lesewerk vertieft zu sehn;
gar hochgelehrte, alte Männer drunter,
(auch, daß es niemand übel nimmt, mich selbst,
obwohl ich eben keins von beiden bin)
-- und halten tausend klein' und große Bücher,
nicht etwa Märchen und Romane nur,
im Gegenteil! recht vollgewicht'ge Bände:
der Künste Buch wie das der Wissenschaft,
den dicken, grauen Tröster: "Weltgeschichte",
selbst jenes größte -- schwer nur klappt sich's auf! --
das alte, das Natur betitelt ist,
-- und lesen ernst und laut einander vor
und leiten zeilenweis sich mit den Fingern,
-- die Größern nämlich -- Kleinste hören zu --
doch mancher, fürcht' ich, hält das Buch verkehrt,
und A bis Z steht lustig auf den Köpfen.
Der große Vater aber, denk' ich mir,
sieht lächelnd nieder auf die kleine Welt
und streichelt manches kluge Lockenköpfchen,
als spräch' er: "Wie das Kind schon lesen kann!"
Im stillen aber sagt er: "Warte nur:
Nehm' ich dich einst aufs Knie und lehre dich,
dann lernst du's anders!"

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